Theatertreff am 29. November 2025

Gespräch mit dem neuen Ballettdirektor Taulant Shehu
Wer gleich zu Beginn seiner neuen Aufgabe an einem Theater mit stehenden Ovationen gefeiert wird, kann sich berechtigte Hoffnungen auf eine gute und erfolgreiche Zeit in Hagen machen. Taulant Shehu hat mit seiner ersten Premiere „Shift“ als neuer Direktor des Balletts Hagen ein Ausrufungszeichen gesetzt: Will heißen, der junge Meister des Tanzes hat in Hagen ein neues Kapitel des Balletts aufgeschlagen.
Mit seinen 13 Tänzerinnen und Tänzer erzählt der aus Albanien stammende Ballettdirektor auf der Bühne des Hagener Theaters in einem Tanz-Doppelabend ungewöhnliche Geschichten und lässt auch die Arbeit des Gastchoreographen Eyal Dadon sichtbar werden.
Dass der 37-Jährige nicht nur meisterhaft choreographieren, sondern auch fesselnd erzählen kann von seinem noch jungen Leben, das so viele Facetten der europäischen Geschichte spiegelt – davon konnte sich das Publikum im Rahmen des jüngsten Theatertreffs überzeugen, der Ende November im Theatercafé stattfand.
Im Gespräch mit Margarita Kaufmann, Mitglied des Beirats des Theaterfördervereins, konnten die Besucherinnen und Besucher nicht nur den überaus bewegten Lebensweg des aus Tirana stammenden Taulant Shehu nachvollziehen, sondern auch erleben, wie die Faszination für die Kunst – und hier für den Tanz – die Biographie eines Menschen prägt.
Getrieben allein von der Freude am Tanz (und ursprünglich auch dem Wunsch seiner Mutter, er möge einen künstlerischen Beruf ergreifen), besuchte Taulant Shehu bereits ab dem zehnten Lebensjahr ein sogenanntes Tanzgymnasium, also eine Schule, in der der tägliche Tanz ebenso zum Stundenplan gehörte wie Mathematik oder Staatslehre, Literatur oder Biologie.
In einem postkommunistischen Land bedeutete die tägliche Tanzeinheit vor allem das Erlernen der Technik auf hohem Niveau: „Drehen und nochmals Drehen, Springen und in der Luft sein,“ beschreibt Shehu die Ballettschule nach russischem Vorbild in Tirana. „Unsere Lehrer waren alle in Moskau geschult worden und verlangten von uns vor allem eine perfekte Technik“. Zu der offensichtlichen Begabung für die Bewegung und der Begeisterung für die reiche, folkloristische Tanztradition seines Heimatlandes kam für den Gymnasiasten bald die Neugierde auf die Kunst des Tanzes in anderen Ländern.
Während seine Familie in Albanien die Fernreisen ihres Sohnes verfolgten, sammelte Taulant Visum um Visum, machte zahllose Reisen und lernte so die großen Theater in Europa kennen: Dänemark und Frankreich, Schweiz und Deutschland, um nur einige seiner Stationen zu nennen.
Und mit dem Abitur in der Tasche kam Cannes: Mit 18 Jahren erhielt der junge Albaner ein Stipendium der UNESCO für die Ausbildung an der „École supérieure de danse de Cannes“ bei Monique Loudières. Eine vollkommen neue, europäische und freie Tanzsprache lernte er nun kennen und wusste bald: „Das war es, was ich machen wollte.“ Dieser ersten Auslandsstation, während der er selbstverständlich auch die französische Sprache erlernte, folgte bald sein erstes festes Engagement an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, wo er sich bald schon in die vordersten Reihen tanzte – und Deutsch lernte.
Nach einer Zwischenstation in Dortmund folgte ein langes und erfolgreiches Engagement am Staatstheater Wiesbaden und schließlich wechselte er zum Hessischen Staatsballett Darmstadt/Wiesbaden.
Wenigstens die Namen einiger renommierten Häuser müssen hier noch genannt werden, an denen Taulant Shehus eigene choreografische Arbeiten entwickelte: Nationaltheater Mannheim, Nationalballett des Kosovo, Theater Regensburg.
Und jetzt also Hagen:
Hagen sei ein Marathon, sagte Shehu in dem Gespräch mit Margarita Kaufmann. Nein, er sei Balletttänzer und Choreograph, nicht Marathonläufer. Aber in Hagen sei viel zu tun und die Herausforderungen seien groß, zumal in der Volmestadt im Gegensatz zu Darmstadt oder anderen Häusern der Choreograph die vielfältigen Aufgaben nicht in einem Team erledigen könne.
Hinaus in die Stadt zu gehen und junge Menschen für den Tanz zu begeistern als Möglichkeit des Ausdrucks und der Selbstfindung – das hat sich der Ballettdirektor zur Aufgabe gemacht.
Die Arbeit mit Gruppen im Rahmen von pädagogischen und tanzvermittelnden Programmen war denn auch eine der herausragenden Erfahrungen und Tätigkeiten, die Intendant Søren Schuhmacher bewog, Shehu nach Hagen zu holen.
All diese Fähigkeiten wird der junge Ballettdirektor nun auch brauchen, um seine kleine Truppe von 13 Tänzerinnen und Tänzer aus neun Nationen auf und hinter der Bühne zu führen und zu begleiten. Denn dass diese jungen Menschen vor allem auch Orientierung und Verständnis brauchen, das weiß Taulant Shehu aus eigener Erfahrung nur zu genau. Zwischen 21 und 27 Jahre sind sie alt, die inzwischen in Hagen schon ihre erste umjubelte Premiere gefeiert und sich in die Herzen des Hagener Publikums getanzt haben.
„Was also bedeutet eine so multikulturelle und vielfältige Gruppe für die Arbeit eines Ballettdirektors?“, wollte die Moderatorin wissen. „Zuerst einmal muss man eine persönliche Ebene schaffen für die Arbeit mit den Tänzern und sie davon überzeugen, dass ihr Körper ihr wichtigstes Instrument ist.“ Und wie er auf diesem Instrument zu spielen versteht, zeigte Taulant Shehu im Theatercafé – zur Freude seines begeisterten Publikums. Statt steifer Bewegung und perfekter Technik gelte es, die Natürlichkeit der Bewegung sichtbar werden zu lassen und vor allem authentisch zu sein. „Natürlich ist man nicht nur Lehrer und Choreograph, sondern auch Coach, Manager und Berater.“
Dass das Theater Hagen mit dem Engagement seines neuen Ballettdirektors, der übrigens am Stadtgarten eine Wohnung bezogen hat, bestens beraten ist, das wurde beim Theatertreff dem Publikum bewusst. Mit langanhaltendem Applaus dankte es dem Gast des Abends denn auch für seine Offenheit, seine Freude am Erzählen und nicht zuletzt seine Begeisterung für Hagen.
Margarita Kaufmann



